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Wirtschaftsprüfer, Steuerberater
Steuerberater
Es führt kaum noch ein Weg an ihnen vorbei. Was als Randphänomen einer kleinen, digital versierten Szene begann, ist im Internet längst allgegenwärtig geworden. Vor allem in den sozialen Netzwerken geben Einzelpersonen immer häufiger Ratschläge zu Geldanlage, Altersvorsorge und Vermögensaufbau – und einige von ihnen erreichen damit ein Millionenpublikum: Sogenannte Finance-Influencer, kurz Finfluencer, gewinnen zunehmend an Einfluss.
Verbraucherschützer warnen in diesem Zusammenhang seit Längerem vor allzu einfachen Versprechen, unerwähnten Risiken und kostenintensiven Beratungsangeboten, deren Nutzen kaum überprüfbar sei. Solcher Schwierigkeiten zum Trotz haben Finfluencer einen nicht zu unterschätzenden positiven Nebeneffekt: Viele Sparer berichten, dass sie über die selbst ernannten Ratgeber zum ersten Mal überhaupt einen Zugang zu Geld- und Vorsorgethemen gefunden haben.
Laut einer Umfrage der Finanzaufsicht Bafin bewerteten im Jahr 2024 mehr als 50 Prozent der Generationen Y (Geburtsjahrgänge von 1981 bis 1996) und Z (Geburtsjahrgänge von 1997 bis 2012) soziale Medien als vertrauenswürdige Quelle für Finanzthemen. Wie die Bafin außerdem herausfand, streuten Social-Media-affine Nutzer ihre Investments breiter als solche, die nicht auf Beratung aus den sozialen Medien setzen.
Angesichts der Beliebtheit von Finfluencern sollte es eigentlich auf der Hand liegen, dass diese neue Form der Finanzvermittlung wie andere Arten auch einer sorgfältigen Einordnung und Aufsicht bedarf. Das ist aber nur bedingt der Fall.
Viele der Ratschläge in den sozialen Medien werden in einer stark verkürzten Form präsentiert, häufig ohne transparent zu machen, in wessen Interesse sie entstehen. Umso wichtiger ist es, sich möglicher Risiken bewusst zu sein.
Phänomen Finfluencer
Finfluencer sind ein Phänomen, das sich seit den 2010er-Jahren entwickelt hat. Es entstand in der Zeit der niedrigen Zinsen: Gewachsen aus einem Zusammenspiel sozialer Medien, finanzieller Unsicherheit und Wissensdurst der Gesellschaft begannen Einzelpersonen zu jener Zeit, im Internet über Geld und den Aufbau von Vermögen zu sprechen. Sie erklären Finanzthemen, geben Einschätzungen ab und empfehlen auch Produkte.
Eine Auswertung der Handelshochschule Leipzig aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass es mittlerweile auf Instagram mehr als 350 aktive deutschsprachige Finfluencer gibt, die insgesamt rund zehn Millionen Abonnenten haben. Jeder Zweite ist erst seit 2020 aktiv. Zeitgleich ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Aktionäre in der jungen Generation gewachsen, zudem schreitet die Finanzbildung insgesamt in Deutschland langsam, aber stetig voran.
Neun von zehn jungen Erwachsenen sparen oder investieren mittlerweile aktiv Geld, wie aus einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 hervorgeht. Neben Tagesgeld sind dabei zwei Anlagearten besonders beliebt, die auch bei Finfluencern am häufigsten thematisiert werden: Aktien und ETFs.
Das Problem bei den Finfluencern
Die Verbraucherzentrale warnt regelmäßig vor einem zentralen Problem des Finfluencer-Phänomens: Die Wahrscheinlichkeit, einer inkompetenten Stimme zu folgen, ist gar nicht mal so gering. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das Prognosen von mehr als 29.000 Finfluencern ausgewertet hat.
Die Wissenschaftler des Swiss Finance Institute unterteilten die Finfluencer in drei Gruppen: qualifiziert, unqualifiziert und antiqualifiziert. Nur etwas mehr als ein Viertel, rund 28 Prozent, erwiesen sich als qualifiziert. Ihre Empfehlungen führten zu einem durchschnittlichen monatlichen Alpha von plus 2,6 Prozent, also zu einer Überrendite gegenüber dem Markt.
16 Prozent galten als unqualifiziert, ihre Tipps hatten keinen messbaren Effekt. Mehr als die Hälfte jedoch, ganze 56 Prozent, war antiqualifiziert. Heißt: Wer ihren Empfehlungen folgte, erzielte im Durchschnitt ein negatives monatliches Alpha von minus 2,3 Prozent.
Besonders brisant: Gerade diese antiqualifizierten Finfluencer hatten die größte Reichweite. In der Studie heißt es, dass sie deutlich mehr Abonnenten hätten und einen stärkeren Einfluss auf das Verhalten von Kleinanlegern ausübten als qualifizierte Akteure. Als Erklärung verweisen die Forscher auf das Prinzip der sozialen Homophilie.
Gemeint ist die Tendenz von Menschen, jenen besonders zu vertrauen, die ihnen ähnlich erscheinen. Antiqualifizierte Finfluencer verhalten sich demnach oft wie viele Kleinanleger selbst: Sie handeln häufig, reagieren emotional auf Bewegungen am Markt, überschätzen Chancen und übersehen Risiken.
Identität und Expertise der Finfluencer prüfen
Wer einige Faktoren beachtet, kann sich – da sind sich Verbraucherschützer, Forscher und die Stiftung Warentest trotz aller Warnungen einig – mithilfe von Finfluencern ein solides Fachwissen aneignen und einen wichtigen Schritt in Richtung Vermögensaufbau und Altersvorsorge gehen.
Demnach gebe es drei Prinzipien, die grundsätzlich zu beachten seien: 1. „Reichweite ist kein Qualitätsmerkmal“, 2. „Reißerische Versprechen sind ein ziemlich verlässliches Warnsignal“, 3. „Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch nicht.“
Die Bafin hat Tipps ausgearbeitet, damit jeder Privatanleger die guten von den schlechten Finfluencern unterscheiden kann. Demzufolge sei es zunächst einmal wichtig, die Person hinter dem Account zu prüfen. „In den sozialen Medien sind neben echten Kennern viele selbst ernannte Experten unterwegs“, heißt es vonseiten der Finanzaufsicht.
Wer in den sozialen Medien seriös in Fragen der Geldanlage aktiv sei, erläutere in der Regel, wer er sei und worauf sich sein Fachwissen begründe. Sollten Identität und fachlicher Hintergrund nicht zweifelsfrei aus dem Profil hervorgehen, sei das ein Warnsignal.
Auf Bewertungen anderer User sollten sich Anleger nicht verlassen. Der Wahrheitsgehalt sei hier schwer zu kontrollieren. „Viele Follower, viele Likes und viele positive Kommentare sind daher kein Gütesiegel. Sie sagen wenig bis nichts über die Seriosität oder Qualität eines Auftritts aus“, so die Bafin. Denn: Es ist leicht, diese Werte zu manipulieren.
Auch Zahlen lassen sich für Social Media aufpolieren. Daher rät die Behörde, jedes Investment selbst zu prüfen und nicht blind zu vertrauen. „Alle Geldanlagen bieten Chancen und sind zugleich mit Risiken verbunden.“ Privatanleger sollten daher mehrere Quellen nutzen, um sich ein vollständiges Bild zu machen. Und: Sollte ein Investment laut dem Finfluencer eine hundertprozentige Erfolgsaussicht haben, sei das erst recht ein Grund für Skepsis.
Finanzielle Anreize hinterfragen
Ähnlich verhält es sich mit hohen Renditeversprechen und künstlichem Zeitdruck. „Anlagetipps sind oft aggressiv formuliert und erwecken den Eindruck, dass der Privatanleger schnell reagieren muss“, warnt die Finanzaufsicht. Ziel sei es, die Sorge der Anleger, einen großen Gewinn zu verpassen, auszunutzen und sie zu einer unüberlegten Anlageentscheidung zu bringen. „Lassen Sie sich nicht drängen“, appelliert die Bafin.
Sie rät zudem, stets die finanziellen Motive der Finfluencer zu hinterfragen. „Die Anlagetipps in sozialen Netzwerken sind meist kostenlos. Das bedeutet, dass sich Akteure aus anderen Quellen finanzieren“, erläutert die Behörde. In der Regel erhalten Finfluencer eine Vermittlungsprovision von dem Unternehmen, über dessen Anlageprodukte sie berichten.
Dies würden Privatanleger sogar selbst „finanzieren“, indem sie bestimmte Text- und Bilderbereiche anklickten und direkt auf andere Internetseiten geführt würden. Das Problem dabei: Das Vorgehen ist nicht ohne Weiteres erkennbar. Daher ist es wichtig, dass Nutzer stets im Hinterkopf behalten, dass es diese Vergütungsmodelle gibt – und dass sie „eine starke Motivation des Tippgebers sein können“, so die Bafin.
Bei einem anderen Vorgehen ist sofortige Vorsicht angebracht: Es sei „besondere Skepsis“ geboten, so die Finanzaufsicht, wenn Anleger von Social Media für Anlagetipps auf private Messenger-Dienste gelotst würden. „Damit geben sie nämlich private Kontaktdaten preis. Danach dürften sie ungebetene, unerlaubte Anrufe erhalten, bei denen Anlageprodukte angeboten werden und in vielen Fällen Anrufer auch einen hohen Handlungsdruck erzeugen.“
Finfluencer halten sich nicht an rechtliche Vorgaben
Finfluencer bewegen sich in einem rechtlichen Spannungsfeld, das zugleich klare Pflichten und große Unsicherheiten birgt. Rein rechtlich gelten sie nicht als klassische Finanzberater mit Lizenzpflicht im Sinne des Wertpapierhandelsrechts.
Heißt: „Finfluencer benötigen grundsätzlich keine Erlaubnis und unterliegen daher auch nicht der Aufsicht durch die Bafin“, erläutert Norbert Pieper, Sprecher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).
Die Rechtslage sei eindeutig: „Solange Finfluencer sich an die breite Öffentlichkeit richten, sie Kunden nicht individuell ansprechen und ihre Empfehlungen nicht auf eine Prüfung persönlicher Umstände stützen, erbringen sie keine Anlageberatung – und stehen somit auch nicht unter Erlaubnisvorbehalt“, so der Bafin-Sprecher.
Das bedeutet aber nicht, dass Finfluencer rechtlich völlig ungebunden agieren dürfen. So hat die Bafin erst Anfang des Jahres gemeinsam mit der ESMA, der europäischen Finanzmarktaufsichtsbehörde, ein Factsheet mit Richtlinien vorgelegt.
Danach müssen Finfluencer die Verantwortung für ihre Inhalte übernehmen: Irreführende, überzogene oder gar leichtfertige Aussagen über Finanzprodukte können für die Abonnenten erhebliche finanzielle Nachteile bedeuten – und daher auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Werbung muss transparent gekennzeichnet sein
Das betrifft vor allem die Transparenz bei bezahlter Werbung. Wenn ein Finfluencer ein Finanzprodukt empfiehlt und dafür Geld, Sachleistungen oder sonstige Vorteile erhält, muss dies klar und verständlich offengelegt werden.
Das gilt nicht nur für klassische Sponsoring-Deals, sondern auch für Fälle, in denen der Finfluencer selbst in das beworbene Produkt investiert ist oder indirekt davon profitiert. Diese Transparenzpflicht soll verhindern, dass Nutzer die Empfehlung fälschlich für unabhängige, neutrale Information halten.
In der Realität klappt das aber nur bedingt. So hat eine aktuelle Untersuchung des europäischen Verbraucherschutz-Netzwerks CPC ergeben, dass noch immer nur etwa 20 Prozent der untersuchten Finfluencer-Profile die Werbung konsequent kennzeichneten.
Vor einem solchen Defizit warnen auch Verbraucherschützer vehement. So sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, dass Privatanleger oft mit fehlender Werbekennzeichnung allein gelassen würden. Dabei seien etwaige Interessenkonflikte ein großes Warnzeichen.
Lea M. Oetjen, BUSINESS INSIDER Plus
8 Minuten
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