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Krieg in Europa, bedeutet das ein Ende der jahrelangen Hausse an den Aktienmärkten?
Schneller als erwartet hat die russische Armee gestern ihren Vorstoß in die Ukraine begonnen. Diese Invasion ist der erste Angriffskrieg in Europa seit 1945. Vermutlich ist das Ziel, die Hauptstadt Kiew zu besetzen und eine russlandfreundliche Regierung einzusetzen. Ein Eingreifen des Westens scheint ausgeschlossen, weitgehende Sanktionen werden in Kraft gesetzt und haben bereits Auswirkungen auf die Energiepreise.

Wie sind die ökonomischen Auswirkungen dieser neuen Situation?
Die im Vergleich zu 2021 deutlich moderateren Perspektiven für die Aktienmärkte für das aktuelle Jahr werden durch die jüngsten Entwicklungen weiter eingetrübt. Konjunktur- und Inflationsrisiken sind deutlich größer geworden. Die Bedeutung der russischen Wirtschaft (das Bruttoinlandsprodukt liegt ungefähr auf dem Niveau Italiens) und des russischen Aktienmarktes sind im internationalen Vergleich eher gering und somit werden russische Wertpapiere in den Portfolios von den Verwaltern auch wegen der politischen Risiken nicht oder nur sehr gering dotiert. Von Bedeutung ist Russland dagegen aber für die Entwicklung der Energiepreise, die wiederum einen großen Einfluss auf die Inflationsraten haben. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass die Inflationsrate in Europa durch die Krise weiter ansteigen und auch länger auf einem höheren Niveau verharren wird als bisher er-wartet. Das wird die Notenbanken, insbesondere die EZB, in eine Zwickmühle bringen, denn diese Entwicklung verlangt nach ihrem Auftrag eigentlich eine schnellere Anhebung der Zinsen, die wiederum die Konjunktur belasten würde. Die gleichzeitig deutlichen verschärften Sanktionen gegenüber Russland belasten aber die konjunkturelle Erholung der Wirtschaft zusätzlich. In dieser Situation erwarten die Verwalter mehrheitlich ein Zuwarten der Notenbanken und ein Aufschieben der möglichen Verknappung der Liquiditätsversorgung der Wirtschaft. Einzige Ausnahme könnte die US-amerikanische Notenbank sein, die bereits im März eine erste Zinserhöhung vornehmen könnte.

Nach den Statements der Analysten hat es geopolitische Risiken dieser Art in der Vergangenheit mehrfach gegeben (zuletzt der Einmarsch in die Krim 2014). Die Kursrückgänge an den Aktienmärkten lagen in diesen Situationen gemessen am amerikanischen Index S & P 500 in einer Spanne von 10 – 15 %, insofern könnte ein Großteil der Abwärtsbewegung der Aktienbörsen bereits vollzogen sein.

Welche Handlungsempfehlungen geben die Verwalter?
Banken und Verwalter haben bereits Ende letzten Jahres mit Blick auf erwartete Zins-anstiege die Portfolien umstrukturiert, das Gewicht typischer Wachstumswerte verringert und im Gegenzug dividendenstarke Titel ausgebaut. Auch wurden die Übergewichtungen von Aktien wegen des Zinsszenarios und der Zunahme der politischen Spannungen im Vergleich zur Benchmark zurückgenommen.

Die aktuelle Eskalation der Krise nimmt kein Verwalter zum Anlass kurzfristig weitere Dispositionsentscheidungen zu treffen, da die Erfahrung zeigt, dass Verkäufe anlässlich einer solchen Situation meist zu spät erfolgen und die Gefahr mit sich bringen, eine an-schließende Erholung zu verpassen.

Mehrheitlich gehen die Häuser auch davon aus, dass die Aktienmärkte nach einer Beruhigung der Situation schnell wieder zur „Tagesordnung“ übergehen.